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Dienstag, 01. April 2008
Diskussion um Tibetpolitik Chinas…
Mit Ihrem Beitrag „Pekings Politik trägt koloniale Züge“ stieß die hessische Landesvorsitzende und studierte Sinologin Ulrike Eiffler eine Debatte im Landesverband an, der zu mehreren Beiträgen und Veranstaltungen zum Thema führte. Die Diskussionsbeiträge können hier nachgelesen werden.
Pekings Politik trägt koloniale Züge
Tibeter werfen Steine – und die chinesische Regierung protestiert gegen Gewalt. Verkehrte Welt? Die Wurzeln des Aufstands und die Interessen Chinas erläutert die Sinologin und hessische Landesvorsitzende der LINKEN Ulrike Eifler.
Tibet ist seit 1949 von China besetzt, was mit einer starken Unterdrückung der tibetischen Kultur einhergeht. Die „Autonome Region Tibet“ ist heute nur halb so groß wie das unabhängige Tibet von 1911. Tibetische Trachten, Tänze oder die Sprache können nur eingeschränkt aufgeführt oder angewandt werden.
Tibeter werden zu Haftstrafen verurteilt, wenn sie ein Portrait des Dalai Lama besitzen oder sich weigern, den Dalai Lama zu kritisieren. Infolge des tibetischen Volksaufstandes von 1959 wurden 6.000 buddhistische Klöster zerstört. Nach der Kulturrevolution gab es keinen einzigen praktizierenden Mönch und keine einzige praktizierende Nonne mehr in Tibet. Viele wurden verhaftet, getötet oder flohen aus Tibet. Nach dem Ende der Kulturrevolution 1976 wurden einige Klöster wieder aufgebaut und die Mönche teilweise rehabilitiert. Doch die buddhistische Religion kann auch heute nur unter strengen Auflagen praktiziert werden.
Die gegenwärtigen Proteste sind ein gewaltiger Wutausbruch der Tibeter. Sie sind nicht nur kulturell unterdrückt, sondern vor allem sozial an die Wand gedrängt. Seit Jahren verfolgt die chinesische Regierung die Strategie, Tibet mit chinesischen Zuwanderern zu besiedeln, um die Tibeter in ihrer eigenen Region zu marginalisieren. Da die Han-Chinesen mit finanziellen Anreizen nach Tibet gelockt werden, führt diese Politik zu einer deutlichen Diskriminierung bei der Wohnungsbeschaffung, im Beschäftigungssektor, im Schulwesen oder bei der Gesundheitsfürsorge. Während Chinesen in Tibet eine freie Gesundheitsversorgung genießen können, müssen die Tibeter dafür zahlen. Gleichzeitig ist die Armut unter den Tibetern besonders groß, weil chinesische Zuwanderer bei der Besetzung von Arbeitsplätzen bevorzugt werden. Die Arbeitslosigkeit unter jungen Tibetern beträgt Schätzungen zufolge mehr als siebzig Prozent. In Lhasa leben mittlerweile 3.000 Bettler, in Shigatse sollen es noch mehr sein. Der wütende Aufstand der Tibeter ist Ausdruck ihres täglichen Überlebenskampfes.
Es ist die Politik der chinesischen Regierung, die zu einer Verarmung und Verelendung der Tibeter führt. Wenn Menschen sterben, weil sie sich die Krankenhausbehandlung nicht leisten können oder wenn sie vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen werden, weil sie Tibeter sind, dann ist das auch eine Form von Gewalt. Die Begründung der chinesischen Regierung ist heuchlerisch. Sie will damit nur ihre Angst vor einer Ausweitung der Proteste verschleiern. Denn nicht nur in Tibet wächst die soziale Spaltung. Privatisierung, Arbeitslosigkeit, Druck auf die Löhne und frühkapitalistische Arbeitsbedingungen sind der Preis, den die chinesischen Arbeiter für das Wirtschaftswachstum zahlen müssen. Die chinesische Gesellschaft ist wegen der sozialen Unzufriedenheit derart instabil, dass die chinesische Regierung zu Recht eine Ausweitung befürchtet. Im Sommer 1989 hatten Studenten und Arbeiter mit der Demokratiebewegung die Machtfrage gestellt. Das wollen die chinesischen Kommunisten kein zweites Mal erleben.
Tibet ist von geostrategischer Bedeutung für China. Es verfügt über einen enormen Reichtum an Bodenschätzen. Die bedeutendsten Vorkommen der Erde an Uran, Lithium, Borax oder Eisen lagern in Tibet. Auch die Vorräte an Erdöl, Erdgas, Gold, Silber, Kupfer oder Zink sind von globaler Bedeutung.
Insgesamt haben die abbaufähigen Vorräte der Bodenschätze in Tibet einen Wert von etwa 128 Milliarden Dollar. Für eine aufstrebende Wirtschaftsmacht wie China ist der Zugang zu Mineralien und Energie in der Tat ein „Kampf auf Leben und Tod“. Die Kontrolle über Tibet mit stabilen Verhältnissen bedeutet für China eine Autarkie bei der Rohstoffversorgung. Gleichzeitig ist Tibet ein wichtiger militärischer Stützpunkt, um Asien zu dominieren und die Vormachtstellung auszubauen. Die chinesische Regierung hat geheime Radarstationen, Militärflugplätze, Raketenabschussbasen und Nuklearraketen in Tibet installiert. Mit seiner Grenze zu Indien wird Tibet zu einer Frontlinie für die Großmachtambitionen Pekings. Deshalb ist die Stabilität so wichtig.
Gegenwärtig verlaufen die Grenzen in Tibet zwischen unterdrückten Tibetern und unterdrückenden chinesischen Funktionären. Insofern ist der Kampf für ein unabhängiges Tibet ein Kampf für die soziale Verbesserung der Tibeter und sollte von Linken unterstützt werden. Die Tibeter müssen selbst bestimmen können, was in ihrem Land passiert. Mit der Siedlungspolitik der chinesischen Führung nahm nicht nur die Verarmung und Verelendung der Tibeter zu, sondern auch die systematische Zerstörung des Lebensraumes. Die Landwirtschaft der Regierung brachte das ökologische Gleichgewicht durcheinander, was Hungerkatastrophen zur Folge hatte. Tibet ist inzwischen ein Lager von nuklearen Abfallprodukten. Gleichzeitig rutschen durch den zunehmenden Bergbau die Hänge weg und die Flüsse verschmutzen. Diese Entwicklung ist nicht länger hinnehmbar. Ein unabhängiges Tibet würde der chinesischen Regierung den unmittelbaren Zugriff auf die Bodenschätze entziehen.
Pekings Politik in Tibet trägt koloniale Züge. Sie dient erstens dazu, den Widerstand gegen die chinesische Herrschaft zu brechen, indem die tibetische Bevölkerung marginalisiert werden soll. Sie soll zweitens die soziale und politische Unzufriedenheit im restlichen Teil Chinas kanalisieren, indem arbeitslose Chinesen unter finanziellen Anreizen nach Tibet gelockt werden. Sie dient drittens dazu, rücksichtslos und aus einem eigenen Profitinteresse die natürlichen Ressourcen auszubeuten. Und sie zielt viertens darauf ab, die Kontrolle über eine militärisch und strategisch wichtige Zone in Zentralasien auszuweiten und auf solide Füße zu stellen. Die Politik der chinesischen Regierung ist also durchaus vergleichbar mit der Besetzung von Irak oder Afghanistan. Linke sollten auf diese Parallelen hinweisen und klarmachen, dass sich die Hauptakteure imperialistischer Politik im Kern ähneln.
Ulrike Eifler ist Landesvorsitzende der LINKEN in Hessen. Sie hat von 1998 bis 2004 Politologie und Sinologie (Chinawissenschaften) in Marburg studiert und sich besonders mit den sozialen Auswirkungen des chinesischen Booms auf die Arbeiter beschäftigt. 2007 erschien ihr Buch „Neoliberale Globalisierung und die Arbeiterbewegung in China“.
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R.Kotollua
Kommentar von Reiner Kotulla am 2.4.2008 16:23:12
Als die Volksrepublik China den Zuschlag zur Durchführung der Olympischen Spiele 2008 erhielt, war abzusehen, dass die kapitalistischen Großmächte die Gelegenheit er-greifen würden, die Spiele als Vehikel nutzend, eine neue antikommunistische Hetz-kampagne gegen die VR-China vom Zaun zu brechen.
So kam es im „Vorfeld der Olympischen Spiele in Peking (...) hierzulande zu diversen antichinesischen Aktionen. Das war für den Verein »Sport und Gesellschaft e. V.« An-lass, seine Jahreshauptversammlung am Wochenende in Berlin diesem Thema zu wid-men.
Die Teilnehmer der Zusammenkunft verabschiedeten eine Erklärung, in der es heißt: »Wir wenden uns als Anhänger und Freunde der olympischen Bewegung gegen die po-litische Kampagne, die derzeit in der BRD gegen die Spiele in Beijing 2008 geführt wird. Unsere Forderung: Man sollte in der Bundesrepublik aus der olympischen Ge-schichte lernen! Deshalb unser Appell: Olympia sollte Olympia bleiben und nicht poli-tisch missbraucht werden!« (1)
Wenn beispielsweise im ARD-Weltspiegel über die VR-China berichtet wird, greift man Mängel, wie die Situation der Wanderarbeiter, Umsiedlungen im Zusammenhang mit der Energiegewinnung durch Wasserkraft und Korruptionserscheinungen heraus, um sie dem „kommunistischen System“ als solchem anzulasten.
Wird dagegen über Missstände in Kolumbien berichtet, wo paramilitärische Banden, die für den größten Teil der dortigen Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind, mit Unterstützung der kolumbianischen Regierung und finanziert von guten Freunden aus den USA, eine blutige Spur hinterlassend, durch das Land ziehen, verschweigt man, dass es sich dort um ein kapitalistisches System handelt, geflissentlich, entfesselt keine weltweite Kampagne gegen die Verletzung der Menschenrechte in der us-amerikanischen Bananenrepublik.
Es soll niemand auf die Idee kommen, dass es sich bei den Mängeln in der VR-China um Erscheinungsformen und nicht um Wesensmerkmale des dortigen sozialistischen Systems handelt, die, wenn sie ruchbar werden, strafrechtlich verfolgt und die ermittelten Täter hart bestraft werden.
Dagegen handelt es sich bei der Ausbeutung der Menschen in Kolumbien durch super-reiche Drogenbarone nicht um Erscheinungsformen, sondern um Wesensmerkmale des dortigen kapitalistischen Systems, das Prinzip der Profitmaximierung, also der Ausbeu-tung des Menschen durch den Menschen. Kein einziger raffgieriger Unternehmer wird dort für sein menschenverachtendes Handeln zur Rechenschaft gezogen, oder gar dafür bestraft.
Die Bilder sprechen eine deutliche Sprache: Randalierende in roten Mönchskutten und andere, nur keine friedlichen Demonstranten, ziehen prügelnd und plündernd durch Lhasas Straßen, fordern die Staatsmacht heraus. Die reagiert, wie überall auf der Welt zu solchen Anlässen, mit Gegengewalt.
Der Aufschrei der kapitalistischen Medien, als hätte man geradezu auf solche Ereignisse gewartet, war entsprechend. Von Volksaufstand war sofort die Rede. Man erinnert sich an den 17. Juni 1953. Und die gesamte bourgeoise Medienmacht stimmte ein.
Erinnern wir uns: Seit Jahrzehnten werden tibetische Kinder unter zum Teil unmensch-lichen Bedingungen, zur Erziehung, wie es heißt, auf Schleichpfaden durch die unwirt-liche Gebirgsregion im Grenzgebiet zu Indien zum Sitz des Dalai Lama und der soge-nannten tibetischen Exilregierung, nach Dharamsala gezerrt – Kidnapping.
Inzwischen sind viele dieser Kinder erwachsen und die Saat geht auf. Sie kehren mit entsprechendem Auftrag in die Heimat zurück.
„Mit ausdrücklicher Billigung »Seiner Heiligkeit« wurde am 4. Januar 2008 ein exilti-betischer Kampfverband gegründet, bestehend vor allem aus Mitgliedern des militanten »Tibetan Youth Congress«, mit dem Ziel, »direkte Aktionen« durchzuführen: »Wir werden den historischen Moment der Olympischen Spiele dazu nutzen«, so die als »Ti-betan People’s Uprising Movement« (TPUM) ausgerufene Kampftruppe, »das Ende der chinesischen Besetzung herbeizuführen.« Im Internet kursierten wenig später erste Ge-rüchte über geplante Sabotageakte, Terroranschläge und Attentate. Schon Ende der 1980er hatte es unter der Bezeichnung »Chinesische Häuser anzünden: Sabotage« eine exiltibetische Untergrundorganisation gegeben, die für Terror gegen chinesische Siedler sorgte.“ (2)
Schon lange wird der religiös-feudale Herrscher, der Dalai Lama ins Feld und auf die Bühnen der westlichen Welt gehievt. Der verzaubert dann mit seinem zum Gesicht ge-wordenen Lächeln seine Zuhörer, die nicht merken, dass das, was dieser Mann von sich gibt, nur ein inhaltsloses Geschwätz ist, um es einmal vorsichtig auszudrücken.
Gebetsmühlenartig wird in den Medien hierzulande wiederholt, dass die VR-China Ti-bet illegal besetzt hielte und die dortige Bevölkerung drangsaliere. Von Menschen-rechtsverletzungen der „kommunistischen Eroberer“ ist ständig die Rede, auch bei der sogenannten tibetischen Exilregierung im westindischen Dharamsala an deren Spitze der Dalai Lama steht. Die will eine Trennung Tibets von der VR-China erreichen. Was aber wollen die dort?
„Daran, dass die Zentralregierung Chinas seit mehr als 700 Jahren ununterbrochen auch die Souveränität über die Provinz Tibet gehabt hat und Tibet zu keinem Zeitpunkt ein unabhängiger Staat war, besteht kein Zweifel Millionen von historischen tibetischen und chinesischen Dokumenten in Peking, Nanking und Lhasa belegen das. Keine Regie-rung der Welt hat je Tibet als unabhängigen Staat anerkannt. Auch in einer Anweisung des britischen Außenministers Lord Lansdowne aus dem Jahre 1904 heißt es, dass Tibet »eine Provinz des chinesischen Reiches ist«.
Und in einer Rede im Jahre 1954 sagte der indische Premierminister Jawaharlal Nehru: »Soweit ich weiß, hat seit Jahrhunderten kein fremdes Land Chinas Souveränität über Tibet je in Frage gestellt.« Genau das aber tun die Westmächte mit ihrer anhaltenden Unterstützung der tibetanischen »Exilregierung« und deren Anführer, des Dalai Lama. Denn nach dem Sieg der kommunistischen Revolution in China 1949 hatten die West-mächte, allen voran die USA, in Asien ein zweites »Reich des Bösen« heranwachsen gesehen. Deshalb taten sie alles, um das neue China zu schwächen, wozu auch die poli-tische und militärische Unterstützung der gewaltbereiten Separatisten in Tibet gehörte.“ (3)
Dazu ein Exkurs in Geschichte und Gegenwart des tibetischen Volkes:
Tibet ist eine autonome Region der VR-China.
„Mindestens seit der Tang-Dynastie (Die Tang-Dynastie (chin. ??, táng cháo) war eine chinesische Kaiserdynastie, die von 618 bis 907 an der Macht war.) gehört das Gebiet zum chinesischen Reich. Dass es Bestandteil der von Sun Yatsen nach der Qing-hai-Revolution gegründeten Republik China (4) war, wird wohl niemand bestreiten. Nach 1945 fand in China ein Bürgerkrieg statt, in dem sich die Guomindang unter Tschiang Kai-shek und die Kommunistische Partei unter Mao Zedong als Kontrahenten gegenü-berstanden. Gesiegt haben die Kommunisten. Und Teil dieses Sieges war die Befreiung Tibets. Wer also behauptet, Tibet sei von den Chinesen unterworfen beziehungsweise besetzt worden, müsste dann nach aller Logik auch sagen, ganz China sei von der KP okkupiert. Es stimmt, dass in Tibet Klöster zerstört worden sind. Doch nicht nur dort, sondern überall in China fielen während der „Kulturrevolution“ Klöster, Tempel und andere Kulturstätten den wütenden „Roten Garden“ zum Opfer. Das ist nicht zu recht-fertigen. Aber es war eben auch nicht eine allein auf Tibet ausgerichtete Bewegung.“ (5)
Auch wenn man kritisch die Entwicklung Tibets in den vergangenen Jahrzehnten be-trachtet, darf man nicht vergessen, dass durch die Chinesische Revolution 1959 dort die Feudalordnung abgeschafft wurde, in der die Tibeter aufs Brutalste ausgebeutet wurden, was übrigens ein Wesensmerkmal des Feudalismus ist; hörige und leibeigene Bauern hatten für das Wohl ihrer religiösen Herrscher zu sorgen, denen der Hauptanteil des bebaubaren Bodens gehörte.
Von diesem, unter dem Deckmantel der Religion, menschenverachtenden Gebaren der dortigen Herrscher ist in den hiesigen Medien nichts zu finden.
Oft wird im Westen beklagt, dass Lhasa, die tibetische Hauptstadt, sich in eine moderne Stadt, wie jede andere verwandele, dass in Asien (nicht nur in China) der Fortschritt eng mit moderner Architektur verbunden ist. Altes zu erhalten, Häuser ohne jeglichen Kom-fort etwa, ist im Verständnis vieler Asiaten mit Voranschreiten unvereinbar. Das mag uns gefallen oder nicht. China, Tibet und ganz Asien können eben nicht durch die euro-päische Brille betrachtet werden. In der gesamten Volksrepublik geht es darum, den Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen. Und gerade das ist in den vergangenen 30 Jahren auf beeindruckende Weise gelungen. Auch in Tibet trifft man niemanden, der sich in die Sklaverei zurückversetzt sehen möchte. Übrigens hat eine vor gut einem Jahr im Magazin „Oriental Outlook“ veröffentliche Umfrage zum Lebensgefühl der Men-schen in Chinas Provinzhauptstädten ergeben, dass die glücklichsten Menschen in Lha-sa leben. Unter anderem deshalb, weil dort die Alltagsbedingungen stimmen, die Luft sauber ist, die lokalen Behörden sich für die Belange der Einwohner einsetzen, Mög-lichkeiten bestehen, gutes Geld zu verdienen und Geschäften nachzugehen. Die Qing-hai-Tibet-Eisenbahn hat in Lhasa „Goldgräber-Stimmung“ aufkommen lassen, und das im positiven Sinne. Tourismus ist eine der wichtigsten Einnahmequellen. Aber auch das werten westlich Journalisten wohl auch nur als kommunistische Propaganda aus Peking (6).
Die Volksrepublik China und somit auch Tibet braucht den Vergleich mit dem kapita-listischen Indien nicht zu scheuen.
Was heißt es denn, wenn die Lebenserwartung der Menschen in China um acht Jahre höher liegt als in Indien?
Bildung, Versorgung, Krankenfürsorge, Hygiene und viele Grundbedürfnisse mehr werden in der VR-China besser befriedigt.
Denkt man zum Beispiel daran, dass das indische Kastenwesen, eine Form des Feuda-lismus, Menschen zu Frondiensten zwingt, die im sozialistischen China undenkbar sind.
So müssen zum Beispiel Angehörige einer niederen Kaste die Scheißkübel der höheren Damen und Herren mit den bloßen Händen leeren und anschließend reinigen.
Niemand spricht da von einer eklatanten Verletzung der Menschenrechte im Kapitalismus.
Quellenangaben:
1) Huhn, Klaus: Olympia soll Olympia bleiben! Gegen politischen Missbrauch der Pekinger Spiele; In junge Welt vom11.03.2008 / Seite 16
2) Aus: junge Welt, 17.03.2008. Colin Goldner, klinischer Psychologe und Wissenschaftsjournalist, ist Autor des Buches »Dalai Lama – Fall eines Gottkönigs« (alibri-Verlag)
3) Rupp, Rainer: junge Welt, 24.09.2007
4) Sun Yat-sen rief am 1. Januar 1912 die Republik China aus
5) Tichauer, Peter jr.: Abgegriffene Klischees, in RotFuchs/März 2008, S. 20
6) Vergl. ebenda
Fleischer
Kommentar von Fleischer am 5.4.2008 7:50:19
Gott sei Dank gibt es auch vernünftige linke Einstellungen zu den Ereignissen in Tibet. (Nicht nur Schneider ...) Selbstverständlich haben die Aufständischen in Tibet unsere Solidarität verdient!
Interessanter Artikel, Kompliment an Ulrike Eifler!
MfG Fleischer
t.boller
Kommentar von tilman boller am 5.4.2008 9:02:25
Gut, das in der Linken diskutiert wird, wie sie es mit der KPCh halten soll.
Ulrike Eifler vertritt eine radikale „free Tibet“ (im Unterschied zu „save Tibet“) Position und fordert die Partei zum Bruch mit der KPCh auf.
Reiner Kotollua sieht kapitalistische Großmächte und Antikommunisten vereint mit der bürgerlichen Presse am Werk, die nichts im Sinn haben, als die sozialistische Bruderpartei zu diskreditieren und damit zu schwächen.
Auf den Artikel geht er nicht näher ein, aber dem Schurken, der sie angezettelt hat, die Proteste in der Stadt mit den eigentlich glücklichsten Chinesen Chinas, dem widmet er von nun an breiten Raum......und den verstockten Eingeborenen soll ja noch ein kontrollierter, touristisch verwertbarer museal-kultureller Rest bleiben ... und um auch den letzten Zweifler am real existierender Sozialismus in China zu überzeugen, muss noch das demokratische Indien für den Zeigefinger herhalten.
Sind solch sich elementar widersprechende Positionen innerhalb einer Partei vereinbar?
Welche Position hat die Partei?
Vor acht oder neun Jahren hat der außenpolitische Sprecher der PDS auf einem hessischen Landesparteitag die Position der Partei zu Tibet auch so in etwa wie die chinesische Botschaft vertreten. Auf Nachfrage erfuhr ich, es gäbe zu dieser Frage keinen alten und ein neuer Parteitagsbeschluss sei nicht notwendig, in einer pluralistischen Partei herrsche Meinungsfreiheit, jeder könne sagen was er wolle.
Es ist an der Zeit das ein Bundesparteitag sich auch dieser SED Altlast stellt: will die Linke weiter besondere freundschaftliche Beziehungen mit der KPCh unterhalten?
Hoffentlich macht die hessische Landesvorsitzende an diesem für die Partei wichtigen Thema so kompetent und entschlossen weiter und erfährt breite innerparteiliche Unterstützung.
Eine persönliche Schlussbemerkung. Die verletzenden religionsfeindlichen Begriffe, mit denen auch in dieser Debatte versucht wird, den Dalai Lama und sein Anliegen zu beleidigen,
werden die Akzeptanz der Linken im bundesdeutschen Wahlvolk nicht gerade verbessern.
Aber dieser Stil zwischen Parteimitgliedern ist nach meiner Ansicht nicht mit Programm und Statut vereinbar.
V.Mosler
Kommentar von Volkard Mosler am 7.4.2008 15:15:46
Die KP Chinas - Vom Internationalismus zum großchinesischen Nationalismus
Von ihrer Entstehung 1921 bis Mitte der dreißiger Jahre, den Jahren des „langen Marsches“, bekannte sich die KP Chinas zum vollen Selbstbestimmungsrecht aller Nationalitäten. Sie folgte hier nur den Beschlüssen und der Politik der frühen Komintern. Zwei Prinzipien bildeten die Achse dieser Beschlüsse: Erstens sei nur ein freiwilliger Zusammenschluss von Völkern geeignet, den Nationalismus zu überwinden und daher sei das Recht auf „Scheidung“, das heißt staatliche Lostrennung, unabdingbar; zweitens könne nur die Anerkennung des Rechts auf Selbstbestimmung einer unterdrückten Nation durch die Arbeiterbewegung der unterdrückenden Nation helfen, die Feindseligkeiten und den Argwohn der Unterdrückten zu beseitigen.
Noch ganz im Geiste dieses praktischen Internationalismus hieß es in der von der KP Chinas entworfenen „Verfassung der chinesischen Sowjetrepbulik“ (7.11.1931): „Die Sowjetregierung in China erkennt das Recht auf Selbstbestimmung aller nationalen Minderheiten in China an, das heißt ihr Recht auf vollständige Trennung von China und auf Bildung eines eigenen Staates. Alle Mongolen, Tibetaner, ... Koreaner, die auf dem Territorium Chinas leben, werden das Recht auf volle nationale Selbstbestimmung genießen, d.h. es steht ihnen frei, sich dem Chinesischen Sowjetstaat anzuschließen oder einen eigenen Staat zu bilden.“
Sogar in Stalins Verfassung der UdSSR war dieses Recht auf nationale Selbstbestimmung zumindest auf dem Papier noch enthalten. Ebenso in der Verfassung von Titos Jugoslawien.
Auf ihrem langen Marsch, die die Rote Armee Maos auch nach Tibet (1935) führte, versprach die KP Chinas den Tibetern ebenfalls noch das Selbstbestimmungsrecht. Sie ließ sogar Lieder auf tibetisch intonieren, in denen ein unabhängiges Tibet versprochen wurde.
Tibetische Brüder, bewaffnet Euch schnell
Und kommt zur Besinnung.
Wir suchen eure Befreiung,
Ihr kämpft für Eure Unabhängigkeit.
Leben für Leben, Blut für Blut.
Lasst uns, damit ihr und die Rote Armee sicher seid,
gemeinsam die Nationalisten auslöschen.
Die KP half den Tibetern in der Zeit des Aufenthalts während des langen Marsches sogar bei der Gründung einer tibetischen Volksrepublik. In der Verfassung wurde die „Gleichheit und Autonomie aller Nationalitäten und Unabhängigkeit für die Tibeter“ versprochen. Das Jahr 1936 wurde zum Jahr Null der tibetischen Volksrepublik erklärt. Währenddessen kam es zu einem Bündnis der Nationalisten (Kuomintang) mit der herrschenden Priesterkaste und dem Panchen Lama. Sie erließen einen antikommunistischen Aufruf. Darin heißt es: „Das Erste, was sie tun werden, ist, dass sie die Tempel und Klöster in Brand stecken und die buddhistischen Statuen zertören… Sie sind für uns Buddhisten eine große Bedrohung.“ Leider haben sich die Warnungen in den Zeit nach der Gründung der VR China bestätigt.
Für die Zeit der Besetzung eines Teils von Tibet (1935) im Langen Marsch stimmt dies aber keineswegs, im Gegenteil wurden die Offiziere und Befehlshaber angewiesen, die Klöster und anderen religiösen Symbole zu achten. Es kam trotzdem zu brutalen Kämpfen, weil das Land so arm war, dass die Nahrungsmittel nicht für beide ausreichten, die Rote Armee und die Tibeter. Mao hat gegenüber Edgar Snow erklärt, dass man die Tibeter später dafür entschädigen müsse! Darauf warten sie heute noch.
Als Maos Armee 1949 siegte und in ganz China die Macht übernahm, brach sie dieses Versprechen vollständig. In der Verfassung der VR China steht ganz im Gegensatz zu den ursprünglichen Versprechen: „Die Volksrepublik China ist ein vereinigter multinationaler Staat.“
Die KP Chinas wurde so zu einer nationalistischen politischen Partei, die sich in dieser Frage auf den Standpunkt der bürgerlichen Kuomintag-Bewegung zurückentwickelt hat, nach der die "chinesische Nation" auch aus Tibetanern, Uguren, Koreanern, Mongolen usw. bestand.
Anders als in der UdSSR 1918 wurden die nationalen Minderheiten nicht als eigenständige nationale Republiken anerkannt, sondern sie werden eingestuft als nationale Minderheiten innerhalb der einen Nation, die sie mit den Han-Chinesen teilen - der chinesischen. Edgar Snow schrieb in seinem Klassiker "Red China Today": "Die chinesische Geschichte ist vonBeispielen aggressiver Expansion gekennzeichnet, die sich in nichts vonmoderneren Imperialismen unterscheiden." Snow weist auf den Unterschied zwischen dem zaristischen Russland und China hin. Chinas Grenzen haben sich vor ein bis zwei Jahrtausenden gebildet, das zaristische Russland hat sich erst vor gut zweihundert Jahren Regionen und Völker im Osten und Süden einverleibt.
Die Nationalitätenpolitik der KP Chinas unter Mao und seinen Nachfolgern unterscheidet sich nicht von dieser repressiven, kaiserlichen Tradition, sie hat die Ansiedlung von Han-Chinesen und die Besetzung von Leitungspositionen in Armee, Verwaltung und Wirtschaft durch Han-Chinesen ungebrochen fortgesetzt. Sie hat mit der Niederschlagung des Tibetaufstandes von 1959 tausende Klöster zerstört und die Religion der Tibeter brutal unterdrückt. Die Tibetpolitik der Chinas unterscheidet sich nicht wesentlich von der Unterdrückung der Kurden durch die Türken.
Es gibt Linke, die verwechseln die Kolonisierung Tibets durch China mit Entwicklungshilfe. Und sie werfen den aufständischen Tibetanern „Nationalismus“ oder sogar „Rassismus“ gegenüber den in China angesiedelten Han-Chinesen vor. Aber es gab ja auch Linke, die die "Black-Power" Bewegung als "schwarzen Rassismus" verkannt haben und die nicht unterscheiden können zwischen dem Nationalismus unterdrückter Ethnien von dem der Unterdrückernationen.
Volkhard Mosler
D.Staadt
Kommentar von Dieter Staadt am 9.4.2008 9:56:54
Kommentar zu Pekings Politik trägt koloniale Züge
Zum Hintergrund für die Diskussion empfehle ich den Artikel von Colin Goldner in der "Jungen Welt", der in der Diskussion über den Konflikt manches "gegen den Strich bürstet".
Goldner hat u.a. Bücher über den Konflikt in Tibet sowie den Dalai Lama veröffentlicht, die solide recherchiert sind.
Ausserdem empfehle ich der Internet-Redaktion, dass sie bereits auf der Homepage angekündigt (z.B. unter Ulrikes Artikel, dass es ein Diskussionsforum zum Thema gibt. Woher sollen das sonst die LeserInnen wissen.
Schöne Grüße
I.&R.Wagner
Kommentar von Dr.Irene und Richard wagner am 16.4.2008 0:00:41
Das alte und das neue Tibet
Dieses Schreiben ist eine Fortsetzung unserer Antwort vom 30. 3. 08 auf Ulrike Eiflers Artikel vom 28. 3. 08. Die erste Antwort beruhte auf der Auswertung von Aussagen zu Tibet im „Großen Herder Atlas“ von 1958 und in „Der große Ploetz“ von 1980. Inzwischen habe ich in der Universitätsbibliothek Konstanz die nachstehend angegebenen 7 Werke durchgesehen, aus denen die folgenden Angaben und Ziele in Wesentlichen entnommen sind.
Die benützte Literatur
I. Großer Herder Atlas, Freiburg 1958, S.503.
II. Der große Ploetz, Freiburg und Würzburg 1980, S. 1017
III. Das große China Lexikon, Darmstadt 2003, S. 760 - 764
IV. Brockhaus. Die Enzyklopädie, Band 27, 21. Auflage 2006, S. 401 – 411.
V. Kollmar-Paulenz, Karenina, Kleine Geschichte Tibets, München 2006
VI. Encyclopaedia of Tibet, Band 7, New Delhi 1996, S. 47 – 49
VII. The Statesman`s Yearbook 2007, S. 315 – 318.
VIII. Encyclopedia Americana, Band 26, S. 718 – 725.
IX. The New Encyclopedia Britannica
Micropedia, Band 11, 15. Auflage 1985, S. 756 – 757;
Macropedia, Band 16, 15. Auflage 1985, S. 239 – 249.
Die Verweise auf Literaturangaben erfolgen mit den lateinischen Zahlen, die links vor dem gemeinten Titel stehen.
Zahlen zur Entwicklung der Bevölkerung in Tibet
Einwohnerzahlen
Quelle Bereich der Autonomen Region Tibet (seit 1965) davon Klosterbewohner
1950 (III, S.761 u. 763) 0,96 Millionen zwischen 114000 u.250000
1953 ( I, S. 502) 1,27 Mio. (größerer Bereich)
1974 (VIII, S. 719) zwischen 1 und 3 Millionen
1983 (IX, S. 756) 1,89 Millionen
1998 (III, S.761) 2,36 Millionen
2000 (VII, S. 318) 2,62 Millionen (Volkszählung)
2003 (IV, S. 401) 2,7 Millionen
2004 (VII, S. 318) 46 000
Zu den Lebensverhältnissen in Tibet nach dem Jahr 2000 siehe die statistischen Zahlen auf der Rückseite dieses Blattes. Sie sind der Seite 318 von The Stateman’s Yearbook 2007 entnommen und beruhen weitgehend auf Daten der Volkszählung von 2000.
So bescheiden diese Zahlenangaben sind im Vergleich zu denen anderer Länder, so bedeutend sind sie im Blick auf das Leben der heutigen Tibeter, wenn man sie mit den Verhältnissen der einfachen Bevölkerung der früheren tibetischen Generationen vergleicht. Um die Leistungen bei der Herstellung der heutigen Verhältnisse ermessen zu können, muss in Betracht gezogen werden: die weiterhin bestehenden extremen geographischen Gegebenheiten; die Jahrhunderte lange und zeitweise künstlich aufrecht erhaltene Zurückgebliebenheit der unteren Bevölkerungsschichten Tibets; schließlich die Tatsache, dass auch das helfende China nach dem Sieg der kommunistischen Revolution 1949 ein von fast 40 Jahren Bürgerkrieg und Krieg zerstörtes Land mit unterentwickelter, überwiegend analphabetischer Bevölkerung aufbauen und entwickeln musste.
Das alte und das neue Tibet
Die für August 2008 terminierten Olympischen Spiele in China werden im Vorfeld von einer kleinen Gruppierung von Exiltibetern genutzt, um die Weltöffentlichkeit auf sich aufmerksam zu machen. Die westlichen Medien nehmen größtenteils bereitwillig diese Stimmungsmache gegen China auf. Damit machen sie sich natürlich zu Handlangern von Politik und Wirtschaft, die in China zwar ein riesiges Absatzgebiet sehen, aber gleichzeitig das Konkurrenzsystem fürchten. Sie pflegen weiterhin inzwischen widerlegte Mythen über Tibet und seine Bewohner. Dass man heute genauere Informationen über Tibet hat, verdankt man ausgerechnet dem geschmähten China, das als Entwicklungsland mit kostspieligen Infrastrukturmaßnahmen verbesserte Lebensbedingungen für die Bevölkerung dort und bessere Informations-möglichkeiten über Land und Leute in Tibet ermöglicht hat. Das ermöglicht Tourismus ( im Jahr 2000 kamen 148877 Touristen, siehe VII, S. 318) und Feldforschungen. „Seit sogar in der Tibetischen Autonomen Region Feldforschungen durchgeführt werden können, bildet die sozialanthropologische Feldforschung einen immer wichtigeren Aspekt der modernen Tibetologie. Unser Wissen über das Land und seine Bewohner hat sich daher in den letzten Jahrzehnten explosionsartig vermehrt“ (V, S.21). Auch Journalisten war es bis vor kurzem noch möglich, von dort zu berichten. Allerdings war ihnen wohl allzu sehr bewusst, was bei uns zur Zeit opportun ist. Die fast ausschließliche Berücksichtigung der besonderen Interessen und Aktivitäten des entmachteten traditionellen tibetischen Mönchtums kam den chinesischen Behörden als zu einseitig vor.
Bis zum Wiederanschluß Tibets an China 1951, mit Zustimmung der damaligen Regierung in Lhasa am 24. Oktober 1951 (V, S.162f), war die Situation in Tibet tatsächlich eine völlig andere. In der Sicht und Darstellung des Dalai Lama und der Exiltibeter sind die Tibeter angeblich in ihrer Gesamtheit ein völlig vergeistigtes „nur der Religion hingegebenes Volk, das jedweder materiellen Neigung völlig abhold ist“ und einen „spirituellen Charakter“ hat (V, S.22f). In der Propagierung dieses Bildes waren sie so erfolgreich, dass es „bis in die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts auch unter Wissenschaftlern“ nicht hinterfragt wird. Und in unseren Tagen wird es von Politikern mit großer Medienresonanz zelebriert, obwohl es deren Berater und heutige Chinaexperten besser wissen müssten. Offensichtlich fühlen sie sich nicht nur der Wahrheit verpflichtet. Auch der Empfang des Dalai Lama durch die Bundeskanzlerin hat dessen Position aufgewertet und zur Festschreibung der Mythen beigetragen.
Ein solches Bild konnte wohl nur deshalb entstehen und sich halten, weil das Land so extrem unzugänglich war, ein Zustand, den die früheren tibetischen Oberschichten bewusst erhalten haben. „There were virtually no roads in Tibet prior to 1951, and the yak or pony was the principal means of transportation. Indeed, the nondevelopment of transportation facilities was a key factor in the Lhasa authorities` isolation policy” (VIII, S. 722; siehe auch IX, S. 243).
Es dürfte eigentlich nicht erstaunlich sein, dass es auch in der Geschichte des Gottesstaates vor 1951 vieles Unerfreuliche gab, dessen Geheimhaltung seit der Öffnung durch China auf Dauer nicht mehr möglich ist. Hier sind einige Fakten, die das mythisch verbrämte Bild des Gottesstaates demontieren.
a) Der Gottesstaat war ein Feudalstaat mit „durchweg“ leibeigenen Bauern (III, S.763). Dazu passt, dass bei der Beschreibung der Tätigkeiten der meisten der Mönche, nämlich die notwendigen ungelernten und angelernten Arbeitsverrichtungen („unskilled and semiskilled labor“; „serving as guards and police“), landwirtschaftliche Tätigkeiten nicht aufgeführt werden (VIII, 719). Diese werden von den Leibeigenen der Klöster und der ca. 200 Adelsfamilien geleistet. Da die geographischen und klimatischen Gegebenheiten in Tibet nur Subsistenzwirtschaft ermöglichten, also nur Selbstversorgung (III, S. 763; VIII, S. 722; IX, S. 242), ergeben sich hieraus ungemein harte Existenzbedingungen für die Bauern unter den ca. 1 Million Einwohnern des Gebietes des späteren Autonomen Gebiets Tibet (III, S. 761) vor 1951, die ja zwischen 114000 und 250000 monastisches (klösterliches) Personal ernähren sollten (III, S. 763)
b) Vielleicht gab es deshalb die brutalen Strafen, z.B. das „Abtrennen von Gliedmaßen“ (V, S.144) die der 13. Dalai Lama um 1913 verbot. Dieses Verbot sagt vermutlich mehr über die Zeit vor dem Verbot aus als über die Zeit danach, zumal auch andere Reformversuche dieses 13. Dalai Lama „auf erbitterten Widerstand beim konservativen Klerus“ stießen und sabotiert wurden, z.B. eine Ausweitung des Bildungswesens auf Laien. (V, S.145)
c) Im Blick auf massive unfriedliche Aktivitäten zwischen Klöstern vor 1951 ist kennzeichnend, dass 3 große Klosterinstitutionen sogenannte Dabdob = Kampfmönche hatten, „eine schlagkräftige Truppe zur Durchsetzung der klösterlichen Interessen“ (V, S. 154f), vielleicht auch gegen widerständige Leibeigene. Möglicherweise stellten solche Kampfmönche oder ihre Nachfolger die Rädelsführer bei den gewalttätigen Aktivitäten tibetischer Mönche in den letzten Wochen.
d) Auch bei Auseinandersetzungen zwischen den Führungskräften des Gottesstaates ging es nicht so zu, wie es der derzeitige 14. Dalai Lama glauben machen möchte. Ein gewisser Lungshar, der Reformen angestrebt hatte, wurde 1933 geblendet (V, S. 151), und 1947 wurde der Regent Reting Rinpoche im Gefängnis „wahrscheinlich“ durch einen Giftanschlag getötet (V, S. 153f). Der 14. Dalai Lama war zu diesem Zeitpunkt etwa 12 Jahre alt.
Die nach der Wiedervereinigung mit China 1951 begonnene Verkehrserschließung Tibets war eine wesentliche Voraussetzung für die bald danach durchgesetzten Reformen, die zur wahrscheinlich „einschneidendsten Veränderung der tibetischen Gesellschaft seit der Einführung des Buddhismus im 7. Jahrhundert“ führte (V, S. 167).
Von Lhasa aus wurde bis 1954 je eine befestigte Fernstraße nach Norden und Osten gebaut
(I, S.503).
Bis 1975 kamen 2 weitere Fernstraßen nach Nordosten und Nordwesten dazu (VIII, S. /22).
Im Jahr 2000 hatte Tibet 22503 km befestigte Straßen (VII, S. 318).
Seit 2005 gibt es von Lhasa aus eine 1142 km lange Eisenbahnverbindung nach Norden (IV, S. 402) mit Anschluß an die große nördliche Ost-West Querverbindung von Peking nach
Urumchi.
Die Unzugänglichkeit Tibets trug sicher dazu bei, dass der Begriff „Volk“ im Zusammenhang mit Tibet benützt wurde, wo eigentlich nur von Mönchen die Rede sein müsste. Diese Hochstilisierung mönchischer Aktivitäten hat Methode. Sie hat dazu geführt, dass Aktivitäten von Mönchen in Tibet so beschrieben und wahrgenommen werden, als ob es Volksaktivitäten seien, als ob in Tibet alle Einwohner einen spirituellen Charakter hätten. Der Dalai Lama und sein Anhang haben nach Kräften dazu beigetragen, dass diese Vorstellung bis in die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts erhalten blieb ( vgl.
V, S. 22 und 23). Es ist an der Zeit, dass Politik und Medien diesen Etikettenschwindel nicht länger mitmachen.
A.Wahl
Kommentar von Angelika Wahl am 4.5.2008 21:34:19
Ich empfehle nicht nur Colin Goldner, sondern vor allem die homepages von W. Rühl:
http://www.meinepolitik.de/Dok1.pdf
und vom Kasseler Friedensratschlag
http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/China/Welcome.html
Vielleicht werden dann die"free tibet" Rufe und die Solidaritätserklärungen mit dem Dalai Lama etwas relativiert.







